Zeitungsartikel

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Auszug aus einem Interview (2007), durchgeführt von Antje Szillat

 

Liebe Jana Frey,

ich habe über Sie gelesen „Schon mit fünf Jahren begann Jana Frey zu schreiben und hörte seitdem nicht damit auf.“ Wie kam es zu der frühen Schreibbegeisterung und was haben Sie zum damaligen Zeitpunkt geschrieben?
Ich habe schon mit vier Jahren lesen und schreiben gelernt und kam mit knapp fünf Jahren in die erste Montessori-Schule unserer Stadt. Unsere ganze Familie liest sehr viel. Bücherstapel und aufgeschlagene Bücher an allen möglichen und unmöglichen Plätzen in unserer bunten Wohnung waren mein Alltag. Meine Mutter, die mich mit 18 als 12-Klassschülerin bekommen hatte, las mir jahrelang jeden Tag vor. Ich wurde ein großer Fan von Astrid Lindgren und Erich Kästner. Eines Tages, nach ein paar ersten Schulwochen, brachte unsere Lehrerin einen alten Fernseher mit in die Klasse, den (leider nur) die Jungen (es war 1974)  „ausschlachten“ durften. Anschließend bekam der nun federleichte Fernseher einen festen Platz in unserem Klassenzimmer und unsere Lehrerin verkündete eine wunderbare Überraschung: von nun an dürften wir uns jede Woche einmal, immer am Freitag Morgen, wenn wir Lust dazu hätten, hinter den Fernseher setzen (also im Fernsehen sein) und von dort aus etwas vortragen: ein Gedicht, ein Bild zeigen, etwas spielen oder erzählen… ich, weil ich als einzige schon schreiben konnte, plante ein erstes Buch! Eine ganze Woche lang arbeitete ich daran: mit dicken Pelikan-Filzstiften malte ich die Bilder und jedes Bild bekam ein paar Zeilen „Geschichte“. Und so schuf ich mein erstes Buch mit dem Titel: „Der Kwatsch“. Ich schrieb fast jedes Wort falsch, aber das machte nichts. Die Geschichte handelte von einem Jungen, der knallblau zur Welt gekommen war! Es gibt sie heute noch: sieben dünne Blätter Papier, ziemlich vergilbt, mit einem Wollbändchen zusammengebunden. Weil meine Klassenkameraden klatschten und „Zugabe“ riefen, schrieb ich in der darauffolgenden Woche einen zweiten Band: „Der Kwatsch 2“. Und dann „Der Kwatsch 3“ und so ging es weiter bis zum Band 14! Damals sagte ich eines Tages zuhause: „Wenn ich erwachsen bin, will ich Schriftstellerin werden…“ später schrieb ich viele Kurzgeschichten und Gedichte. Als ich 15 war, wurde meine erste Kurzgeschichte in einer Jugendzeitung veröffentlicht.


Wer hat Ihre Schreibbegabung unterstützt und gefördert? Jemand aus der Familie oder vielleicht sogar eine Lehrerin?
Sowohl meine Mutter und meine Großmutter, die beide Lehrerinnen waren, als auch meine Grundschulklassenlehrerin, die ich fünf Jahre lang in sämtlichen Fächern hatte, förderten mein Schreiben sehr. 


Das erste Buch, dass von Ihnen veröffentlicht wurde, haben Sie noch handschriftlich verfasst. Um welches Buch handelte es sich und wie ist es zu dieser Veröffentlichung gekommen?
Dieses Buch schrieb ich während meiner eigenen Pubertätszeit. Ich empfand die Zeit des „Erwachsenwerdens“ als schwer und zog mich viel zurück. Es waren die 80er Jahre und während ich einerseits ab 1986 auf Demonstrationen gegen die Startbahn West, gegen die Räumung der Hamburger Hafenstraße und gegen Atomkraft ging, haderte ich andererseits mit dem unwiederbringlichen Ende meiner Kindheit, die für mich für Leichtigkeit und Geborgenheit stand. Damals schrieb ich mein erstes Buch. Der Arbeitstitel war „Sekt und Tränen“ und es war eine Liebesgeschichte, die später unter dem Titel „Ich nenn es Liebe“ tatsächlich erschien. Ich begann einfach so eines Tages, ich war damals 17 Jahre alt und in der 11. Klasse, indem ich ein Collegeblock (der eigentlich für Physikhausaufgaben stand) nahm und anfing zu schreiben. Zum Schluss waren es 12 vollgeschriebene Collegeblöcke – und ich war 19 Jahre alt! In der Zwischenzeit hatte ich ein Jahr in Amerika und ein halbes in Neuseeland zugebracht – immer mit meiner Geschichte im Koffer! 
Im Sommer 1988 (nachdem schon mein 22-jähriger Vater bei einem Verkehrsunfall gestorben war, als ich noch ein Baby war) brach für mich eine Welt zusammen: mein einziger Onkel, der für mich Vaterersatz war, starb im Alter von 33 Jahren ganz plötzlich an Krebs. Auch er hatte geschrieben, jahrelang – wie ein Besessener – ohne allerdings jemals ein Buch zu veröffentlichen – und jetzt war er tot und alle hatten mir immer gesagt, wie ähnlich wir beide uns seien… zum ersten Mal stellte ich die „Berufung“ Schreiben in Frage. Ich beendete nachträglich meine Schule und beschloss zu studieren. – Aber das Schreiben ließ mich nicht los! Und dann setzte ich mir ein Limit: Wenn ich es nicht schaffen würde, bis zu meinem 23. Geburtstag mein Manuskript bei einem Verlag unterzubringen, würde ich etwas ganz anderes machen und das Schreiben für mich wirklich beenden…! Aber es kam anders: ich bekam für meinen Text viel Zuspruch und mein erstes Buch erschien!


Die Bandbreite Ihrer Bücher ist ja wirklich enorm. Einmal schreiben Sie für kleine Kinder und Leseanfänger lustige und spannende Geschichten, während sich Ihre Jugendbüchern fast ausschließlich mit schwierigen  Themen befassen. Wie gelingt Ihnen dieser Spagat zwischen „heiler Welt“ und Themen, die eben nicht in das Muster dieser „heilen Welt“ passen wollen?
Weil die Welt eben auch aus diesen beiden Teilen besteht. Ich spürte das schon als Kind: fast körperlich nahm ich zu Jahresanfang jeweils den kommenden Frühling wahr: ich liebte Krokusse und Schneeglöckchen, Osterglocken und Flieder und Tulpen – „krachend“ blühende Forsythienbüsche konnten mich zum Weinen bringen… meine Großmutter sagte über mich: „Jana spürt jeden Grashalm wachsen…“ als dreijähriges Kind saß ich einmal wie gebannt vor dem Horizont des schwarzen Meeres, als ich ihn zum ersten Mal sah! Ich brauchte „heile Welt“ ganz dringend: Astrid Lindgrens „Ferien auf Saltkrokan“ habe ich bestimmt fünfzigmal gelesen während meiner Kindheit. Gleichzeitig verschlang ich aber auch Bücher wie „Damals war es Friedrich“, „Die letzten Kinder von Scheweborn“ und „Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“. Ich spürte schon damals, dass diese beiden Welten (schmerzlich) zusammengehören, sich ergänzen und brauchen. Nicht umsonst schrieb mal eine Zeitung über mich: „Jana Frey, die „Bullerbü-Visionärin“!Ich glaube, dass Menschen, um kämpfen zu können, um Revolutionen zu führen, die klare Vision von dem Guten brauchen! Von Bullerbü, von „El Loco, dem Spinner“, von „Momo“ und „Mio, mein Mio“. darum schreibe ich auch Bücher von heiler und nicht heiler Welt.


Ich persönlich habe bereits einige Bücher von Ihnen gelesen und finde, dass viel mehr Erwachsene diesem Beispiel folgen sollten - man kann wirklich viel über die Gefühle, Probleme und Gedanken der Kids erfahren und somit auch ihr Handeln besser verstehen. Außerdem fühlt man sich an seine eigene – oftmals auch recht schwierige Zeit des Erwachsenwerdens erinnert. Warum favorisieren Sie gerade diese Themen?
Diese Themen sind so wichtig, weil gerade die Zeit des Erwachsenwerdens so immens schwer ist. Nie ist man mehr mit sich alleine (selbst wenn man nach außen hin ‚funktioniert’, wenn man tanzen geht und lacht und mit Freunden herumzieht), innerlich ist das Erwachsenwerden eine unglaubliche Wucht, ich glaube, für jeden von uns. Aber die meisten Menschen behalten die Ängste und sorgen, die in dieser Zeit in ihnen sind, für sich. Teils weil ihnen der Mut fehlt, mit jemandem offen zu sprechen, teils aber auch, weil einfach ‚die Worte fehlen’… Ich versuche mit meinen Büchern nicht, Lösungen zu präsentieren, sondern vielmehr meine LeserInnen, ob jung oder schon erwachsen, zu berühren. Wenn ich das erreicht habe, bin ich froh.


Ihr neusten Werk „Ich, die Andere“ ist wirklich sehr beeindruckend. Die Geschichte ist so authentisch und bewegend geschildert, dass man sich selbst als Teil der Geschichte fühlt. Gibt es tatsächlich existierende „Vorbilder“ für diese Story oder ist sie völlig Ihrer Fantasie entsprungen?
Diese Geschichte ist ganz und gar frei erfunden. Dennoch gab es einen bestimmten Moment, der mich veranlasste, spontan ‚loszuschreiben’. Schon jahrelang hatte ich den Wunsch, mal ein Buch zu schreiben, das die Türkei zum Thema hat. Das liegt in erster Linie daran, dass ich als kleines Kind für ein Jahr in Istanbul gelebt habe und das Land und die Sprache sehr gerne habe. Vor einigen Jahren, als ich mich auch intensiv mit dem Christentum beschäftigt habe, las ich auch eine deutsche Ausgabe des Koran. Die Geschichten darin haben mich fasziniert und es war eine sehr spannende Zeit. Aber schon damals gab es beim lesen für mich Momente des Erschreckens. Der Koran enthält Suren, die sehr schwer lasten und die meines Erachtens sehr fragwürdig sind. Ich hatte also fest vor, ein Buch über die Türkei zu schreiben. Aber wie das so geht: immer wieder fehlte mir die Zeit, kamen andere Projekte dazwischen. Aber dann, im Sommer 2005, wurde in meiner Heimatstadt am helllichten Tag eine junge Türkin in einer Gartenanlage von ihrem Bruder mit sechs Kopfschüssen getötet, weil sie sich in einen deutschen Studenten verliebt hatte und mit ihm leben wollte. – Ich war, wie alle, entsetzt, schockiert, wie benommen… Tagelang, wochenlang ließ mich dieser Vorfall nicht los. Und allmählich spürte ich, wie sich meine Gedanken in drei Erschreckensmomente drittelten: da war natürlich vor allen Dingen das erschossene junge Mädchen: was für eine furchtbare, entsetzliche, nie wieder gutzumachende Tat! Aber dann dachte ich an den Täter: wie furchtbar, wie schrecklich, wie nie wieder gutzumachend war das, was er getan hatte. wie musste er sich fühlen, tief in sich drin? Vielleicht so verschüttet, dass er es selbst gar nicht mehr spüren konnte. Aber es war ja trotzdem da. (ich habe auch einen Sohn und eine Tochter, ich versuchte, die Situation in Gedanken zu übertragen – es gelang mir nicht…) und der dritte, ganz profane Gedanke war die Vorstellung, das es möglich war, dass ein junger, aufgebrachter, vor Hass ‚blinder“ junger Mensch mit einer geladenen Waffe in der Tasche am helllichten Tag einfach so im Bus sitzen konnte, auf dem Weg, diese Waffe zu benutzen… - Und so entstanden in meinen Gedanken Kelebek und Sercan Aydimir. Und eben auch Reza, Dursun und Halil. Aber auch Ana und ihre Familie und Kelebeks Eltern. Noch immer fühle ich mich meinen  Figuren sehr, sehr verbunden. Es war bedrückend und wunderbar zur gleichen Zeit, sie alle um mich zu sammeln. Die Arbeit an „Ich, die Andere“ war, obwohl das Thema so bedrückend ist, eine sehr gute Zeit.


Warum schreiben Sie Kinder- und Jugendbücher? Worin liegt für Sie der besondere Reiz an diesem Genre?

Ich schreibe für Kinder und Jugendliche, weil es mir große Freude macht, mit Kindern und Jugendlichen zusammen zu sein. Als ich anfing, wirklich beruflich zu schreiben, war meine Tochter drei Monate alt. Zwei Jahre später kam noch unser Sohn hinzu. Ich habe zwischen Holzklötzen, Eisenbahnen, Puppen und Playmobil geschrieben. Ich habe einen Schreibstopp gemacht, wenn meine Kinder und ihre Spielkameraden (jeder der Kinder hat kennt das…) ihre Kinderstühle in Reihen stellten und uns ‚Theater’ vorspielten. Später habe ich geschrieben und zwischendurch Hausaufgaben nachgesehen und Vokabeln abgefragt. Es folgten Zeiten, als meine Kinder mit Freunden und einer Videokamera ‚bewaffnet’ „James-bond-filme“ drehten, in denen sie Matratzen im Treppenhaus positionierten, um Stundmenartige stürze darzustellen. Oder sie kramten übrig gebliebene Silvesterkracher aus den Schubladen und spielten im Hof James-Bond-Schießereien nach… Nie konnte ich besser schreiben als in solch einem Trubel! Ich liebe das Leben mit Kindern – Und darum schreibe ich auch so gerne über sie!


Woran arbeiten Sie zur Zeit? Auf welche Neuerscheinung von Ihnen, dürfen wir demnächst gespannt sein?
Gerade habe ich über einen wirklich sehr, sehr dicken Jungen geschrieben, der es im Alltag und in  der Schule alles andere als leicht hat und der sich einsam und ausgeschlossen fühlt – bis er eines Tages Tiffany trifft, die ebenfalls schwer an einem Bündel trägt – wenn auch an einem ganz anderen… 


Gibt es ein Buch was Sie gerne schreiben würden? Vielleicht sogar etwas völlig anderes? 
Ja, ich werde demnächst ein Buch für Erwachsene schreiben – zum ersten Mal! Und darauf freue ich mich sehr!


Haben eigentlich Ihre eigenen Kinder etwas von Ihrer Schreibbegeisterung und Ihrem Talent geerbt?
Unsere jetzt 16-jährige Tochter schreibt sehr viel. Dabei sah es zuerst gar nicht danach aus. Wie auch unser Sohn besucht sie eine Waldorfschule und obwohl unsereTochter, wie ich, schon mit 4 Jahren zu lesen und schreiben anfing, hatte sie danach lange Zeit kein Interesse am schreiben eigener Geschichten. Allerdings verschlang (und verschlingt) sie seit damals ein Buch nach dem anderen. Und seit etwa drei Jahren hat es sie dann doch noch gepackt. Und in der Zwischenzeit hat sie schon viele Geschichten und Geschichtsanfänge geschrieben. Zuletzt überraschte sie mich und meinen Mann mit zwei wirklich abgeschlossenen, sehr lustigen  Bänden über ein Mädchen, das in einer Großfamilie aufwächst, in der aber, trotz des vergnügten Erzähltons, nicht alles perfekt ist, sondern in leisen Tönen auch ernste Inhalte versteckt sind. Ich war sehr berührt beim Lesen. – Unser Sohn ist ein bisschen ‚lesefaul’ und darum auch kein großer Schreiber. Er ist mehr der ‚anpackende’ Typ, in dem ich mich aber auch wieder finde. So wie ich in den 80er Jahren protestieren ging, so ist mein Sohn mit seinen 14 Jahren jüngstes Mitglied der „Grünen“ in Rheinland-Pfalz und außerdem engagiert er sich für Greenpeace in einem sogenannten „Greenteam“.


Was würden Sie jungen Menschen raten, die gerne Schreiben? Können Sie den Kids ein paar Tipps geben?

Ich rate gerne: immer alles aufheben, was du geschrieben hast. Auch wenn du die Geschichte oder das Gedicht nicht zuende bekommst: aufbewahren! Es kann später neue Impulse geben, es ist ein wichtiger Teil deiner Gedankenwelt!  Gut ist es auch, wenn man jemanden hat, dem man seine Werke mal vorlesen oder zum selbstlesen geben kann. So übt man die ‚Öffentlichkeit’ und es ist ein gutes Gefühl, über die eigenen Texte zu sprechen. – Ansonsten halte ich es tatsächlich immer noch mit den drei Worten, die ich als 17-jährige an die Berliner Mauer gesprüht habe: LEBEN. LIEBEN. KÄMPFEN! Das trifft auf vieles zu. Auch aufs Schreiben…!

 

 

Rückwärts ist kein Weg – Schwanger mit 14 (Film)

Gespräch mit Regisseurin Cornelia Grünberg und Kameramann Heiko Merten

KJK: Schwanger mit 14 – wie sind Sie auf dieses nicht ganz unkomplizierte Thema gekommen?
Cornelia Grünberg: "2003 ist der Tatsachenroman ‘Rückwärts ist kein Weg’ von Jana Frey erschienen. Ich habe dieses Buch gelesen und war total berührt. Es ist eine Tatsachengeschichte von einem Mädchen in Hamburg, das mit 14 Jahren schwanger wird und sich dann gegen den Willen der eigenen Familie und des Freundes für das Baby entscheidet. Es gibt in diesem Roman viele starke, emotionale Momente, die mich so bewegten, dass ich einen Spielfilm daraus machen wollte. Ich habe ein Treatment geschrieben und es dann 2005 der Geschäftsführerin der Kinderfilm GmbH in Erfurt gezeigt. Ingelore König fand das Thema sehr interessant und begann, sich um Förderungen zu bemühen. Sie beauftragte eine Autorin, ein Drehbuch zu verfassen, während ich parallel anfing, zu recherchieren."

 

Es ist sicher nicht leicht gewesen, schwangere Mädchen in diesem Alter zu finden?
Cornelia Grünberg: "Ich habe Kontakt zu vielen Schwangerschaftskonfliktberatungsstellen aufgenommen, das Projekt vorgestellt und um Unterstützung gebeten, mich in Verbindung mit jungen Mädchen, die gerade schwanger oder schon junge Mütter sind, zu bringen. Anfangs ging es hauptsächlich darum, ein Mädchen für den Film zu casten, das eben diese Erfahrung gemacht hat. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass die Hauptrolle eine junge Schauspielerin, die noch kein Kind hat, spielen kann. Das ist eine so außergewöhnliche Erfahrung, die man selber gemacht haben muss, die mit nichts vergleichbar ist im Leben. Mit Hilfe der Beratungsstellen konnte ich dann einige Mädchen mit einer MINI-DV interviewen. Daraus habe ich eine siebenminütige Dokumentation, sozusagen als Arbeitsgrundlage, erstellt. Die Zusammenarbeit mit der Autorin gestaltete sich aber etwas schwieriger als gedacht und irgendwann in diesem Arbeitsprozess kamen wir auf die Idee, doch besser einen Dokumentarfilm zu drehen und mehrere junge Mädchen in den Mittelpunkt zu stellen. Das ermöglichte uns, sich viel intensiver mit dem Thema auseinanderzusetzen und vielleicht dieser Problematik besser gerecht zu werden. Denn es ist ja kein Einzelschicksal, wenn ein minderjähriges Mädchen schwanger wird. In Deutschland – so die Statistik – werden jährlich 13.000 Mädchen unter 18 Jahren schwanger, 50 Prozent von ihnen bringen die Kinder auch zur Welt."

 

Soll dieser Dokumentarfilm ins Kino kommen?
Cornelia Grünberg: "Ja, es ist ein Kinoprojekt. Wir entwickelten aus meinen Recherchen heraus ein neues Konzept, ich habe mir neue Mädchen gesucht und wir begannen im Oktober 2008 zu drehen. Nun begleiten wir vier Mädchen aus Marburg, Tübingen, Sonneberg und einem kleinen Ort bei Fulda über zwei Jahre hinweg. Die Bedingung war, dass sie mit 14 schwanger geworden sind. 16-Jährige sind schon auf dem Weg des Erwachsenwerdens und werden als solche in der Gesellschaft respektiert. Mit 14 befinden sich Mädchen an einer Art Nahtstelle."

 

Gab es noch andere Kriterien bei der Auswahl der Mädchen?
Cornelia Grünberg: "Sie kommen aus unterschiedlichen Sozialisierungen, aber wir wollten keine Mädchen aus katastrophalen Familienverhältnissen, die dann im Grunde genommen das Klischee, das in unserer Gesellschaft vorherrscht, bedienen. Wir wollten die Thematik nicht noch mit Drogensucht oder anderen schwierigen Problemen vermengen."

 

Zu welchem Zeitpunkt ist Heiko Merten in das Projekt eingestiegen?
Cornelia Grünberg: "Heiko war von Anfang an mit dabei. So arbeiten wir immer."
Heiko Merten: "Für mich ist das ja auch Neuland, ich habe noch nie einen reinen Dokumentarfilm gemacht. Inhaltlich hat mich gereizt, dass Menschen mit relativ wenig Lebenserfahrung intuitiv eine Entscheidung treffen, die für ein Leben lang Konsequenzen hat."
Cornelia Grünberg: "Und es gibt keinen Weg davon zurück. Das ist das Faszinierende an diesem Thema."
Heiko Merten: "Zum anderen interessierte mich: Warum treffen diese Mädchen eine Entscheidung, womit sie ja eigentlich in der Gesellschaft genau das Gegensätzliche, das Nichtkonforme machen. Ab 18 ist Abtreibung moralisch fast verwerflich, aber den jungen Mädchen wird mehr oder weniger die Abtreibung zugunsten ihres Lebenswegs nahe gelegt. Spannend fand ich auch, eine männliche Sicht in dieses Projekt einzubringen, auf meine Art eine Intimität mit den Mädchen und daraus filmisch spannende Situationen herzustellen. Außerdem die Aufgabe, mit relativ wenig technischem Aufwand Kino zu machen. Schließlich sind wir ja nur ein Team von vier Leuten."

 

Und wie werden Sie nun als Mann angenommen von den jungen Protagonistinnen?
Heiko Merten: "Ganz gut, es gibt kein Mädchen, mit dem ich nicht zurechtkomme. Bei einem haben wir eine Zeitlang gebraucht, da hat sich das nötige Vertrauensverhältnis erst beim dritten Besuch eingestellt."
Cornelia Grünberg: "Heiko ist auch ganz wichtig für die jungen Väter. Sie haben bis auf einen ein großes Problem gehabt, vor der Kamera zu reden. Sie respektieren zwar, dass ihre Freundinnen das tun, wollten selbst aber nicht gefilmt werden. Dann aber haben sie über die Technik den Kontakt zu Heiko gesucht und sich so nach und nach geöffnet."
Heiko Merten: "Geholfen hat mir dabei auch meine Qualifikation als Vater."

 

Was begeistert Sie am meisten, was überrascht Sie, wenn Sie die jungen Mädchen so erleben?
Cornelia Grünberg: "Was mich sehr fasziniert ist, dass sie so verantwortungsvoll handeln."
Heiko Merten: "Und vor allem anders, als man das so denkt. Wo ich mich beim Drehen ertappe, dass ich doch in so gängigen Mustern denke oder gedacht habe. Sie sind zwar noch sehr jung, aber schon ab dem Punkt, wo sie die Entscheidung getroffen haben, ist da ein ausgeprägtes Verantwortungsbewusstsein, eine bemerkenswerte Fürsorge."

 

Gibt es durch die Erfahrungen mit den Mädchen viele Veränderungen am ursprünglichen Konzept?
Heiko Merten: "Das ist das Spannende, dass diese Drehweise uns die Chance gibt, nach größeren Abständen immer wieder neu zu reflektieren. Dadurch dass wir nicht in einem Block drehen, ist dieses Projekt so einem Prozess unterworfen. Woher sollten wir wissen, wie die Mädchen sich entwickeln, wie sie auf die Entbindung reagieren, wie sich die Familienverhältnisse verändern? Unsere grundlegenden Fragen aber bleiben, wie zum Beispiel: Was macht ihr Leben aus, was hat sich durch die Schwangerschaft und Entbindung verändert, wie geht es weiter?"

 

Auf welchem Material drehen Sie?
Heiko Merten: "Zugunsten des höheren Drehverhältnisses ist die Entscheidung für HD gefallen, weil wir so viel Material aufnehmen. Im dokumentarischen Bereich ist HD ein absolut gutes Medium in Bezug auf das Verhältnis zwischen Kosten und Qualität auf der Leinwand. Es gibt aber auch einen entscheidenden Nachteil. Dadurch, dass wir digital drehen, kommen wir für Laien daher wie ein Fernsehteam und bekommen erst einmal diese Ablehnung zu spüren, die dem Fernsehen entgegengebracht wird."

 

Wie lang soll der Film werden?
Cornelia Grünberg: "Kalkuliert ist er auf 90 Minuten und er soll sich an junge Leute wenden. Ab 14 Jahren auf alle Fälle, aber mein Gefühl ist, dass sich auch 12-, 13-Jährige dafür sehr interessieren. Nun gehen wir in den Schnitt, zusammen mit Martin Hoffmann („Rhythm Is It“, „Trip to Asia“). Von Anfang an haben wir ja eine zweite Erzählebene mitgedacht. Sie ist noch nicht voll entwickelt, sie soll aus dem Material heraus entstehen. Es wird also kein reiner Dokumentarfilm, wie man ihn kennt. Im Moment befindet sich das alles noch sehr im Prozess. Die Mädchen werden uns sagen, in welche Richtung das geht."

Das Gespräch führte Barbara Felsmann (KJK Muenchen)

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